Interview : Arne *Boardstein* Fiehl

Arne Fiehl, man kann wohl behaupten das ist die BOARDSTEIN in Person ! Sozusagen eine Live Ausgabe. Ohne sein Herzblut würde es wohl keine BOARDSTEIN geben und eine Menge Skater würden wohl gar nichts lesen, sondern nur Bilder ankucken, jetzt mal extrem formuliert. So sorgt das Magazin Ausgabe für Ausgabe dafür, ein wenig Punkrock Attitüde und darüber hinaus Philosophisches und mehr in die Köpfe der LESER  zu transportieren.

Nach einer langen Zeit des finanziellen Auf und Ab, einiger Krisengeschüttelter Perioden und intensivem Grinden und Hustlen seitens der Mannschaft ist es nun soweit, dass die BOARDSTEIN  wohl von der stabilen Seitenlage in den aufrechten Gang gewechselt hat und Ende April nun Kostenlos wieder angerollt kommt.!
Eigentlich wollten wir Arne schon früher interviewen aber da war er dann leider schon nach Neuseeland entwischt. So hat es jetzt zeitlich eigentlich dann doch fast noch besser gepasst , so zum Erscheinen der neuen Ausgabe….
…der Frühling ist da !

Q:Wie war es in Neuseeland?

Arne:
Das kann ich jetzt hier in einer Emailinterviewantwort nicht ganz zusammenfassen, aber um es kurz zu machen: Hammer! Wahrscheinlich der beste Trip, den ich jemals gemacht habe, aber sobald ich das schreibe, komme ich auch schon wieder ins Grübeln, ob andere nicht genauso geil waren… Man kann es halt nicht vergleichen, ob man mit Freundin auf Chill-Urlaub unterwegs ist, mit den Jungs und Wohnmobil zwei Wochen auf Skatetour oder eben zwei Monate alleine auf Selbstfindungstrip… Jedenfalls will bzw. muß ich dazu einen dreiteiligen Artikel in unserem supertollen Magazin machen, weil ich einfach so viel geilen Scheiß erlebt hab` und geskatet bin. Sowieso, ich bin fast jeden Tag Skateboard gefahren, super geil! Außerdem hatte ich zum ersten Mal selbst eine Digicäm mit dabei, das hat auch viel Spaß gemacht, da so alles irgendwie festzuhalten! Insgesamt war es eine geniale und längst überfällige Winterpause und Neuseeland ist wirklich ein äußerst liebenswertes Land, das sollte dann in dem Artikel auch mehr als deutlich werden. Der Arbeitstitel soweit: Ein Karma in drei Akten…

Q:
Du kommst doch aus Flensburg, wohnst aber in Hamburg und bist aber eigentlich die meiste Zeit in Dortmund, stimmt das so?


Arne:

Stimmt ziemlich so, ich bin in Berlin geboren und meine Eltern zogen, als ich drei war, ins nördlichste Schleswig-Holstein in ein 50-Einwohner-Dorf namens Habernis, 25km östlich von Flensburg direkt an der Ostsee, wo ich groß geworden bin. Wir hatten einen Campingplatz mit Restaurant und ich bin meinen Eltern sehr dankbar dafür, daß ich und mein Bruder so auf dem Land aufwachsen durften. Dort hab` ich übrigens auch mit Skaten angefangen, auf einer Straße ohne Bordstein, deswegen skate ich auch am liebsten Kackspots! Im April 2000 bin ich dann von Kiel nach Dortmund in die Redaktion gezogen, und seit 4 ½ Jahren habe ich zusammen mit meiner Freundin ein Wohnung in Hamburg. Allerdings verbringe ich nach wie vor noch reichlich Zeit in Dortmund und versuche mich zwischen dort, Hamburg und Flensburg/Heimat zu zerreißen, was nicht immer ganz leicht ist und wobei die Heimat leider am kürzesten kommt. Denn anderweitig viel unterwegs und auf Reisen bin ich ja auch noch, das ist dann allerdings eine der schönen Seiten dieses Ganzen Nomadentums…

Acid Drop Dortmund Ph: www.herzmannphoto.com

Q:
Habe gehört, in Flensburg gibt es regelmäßige Miniramp-Metal-Partys mit `ner Miniramp auf der Tanz/Mosh-Fläche – macht dich das stolz, daß deine Homies so wat Ordentliches auf die Beine stellen?

Arne:
Das läuft vom Caramba Skateshop aus und natürlich finde ich es geil, wenn in meiner “Heimatstadt“ was passiert, aber da passiert auch ständig was, im Feiern sind wir ganz groß da oben! Flensburg liegt nun mal am nördlichsten Arsch von Deutschland, da muß man einfach selbst Gas geben und Sachen machen. Allerdings kommen die Bros da auch nicht so richtig raus, das ist halt echt weit weg von allem und denen geht es halt gut in Flenne, die haben anscheinend alles, was sie brauchen, Dänemark ist ja auch noch da. Aber im Norden herrscht schon eine sehr ausgeprägte D.I.Y.-Mentalität, deswegen gibt`s da auch so viele gute Bands! Und Konzerte, Partys und sowas organisieren läuft dann einfach Hand in Hand.

Q:
Wie lange stehst du eigentlich schon auf dem Skateboard?

Arne:
Ich hab` 1988 angefangen, im Sitzen auf Plastikboards den Downhill im Dorf zu fahren und 1989 im Sommer hab` ich dann gelernt, daß das auf breiten Holzboards viel besser geht und vor allem im Stehen noch mehr Spaß macht. Dann hab` ich einem, der mit seinen Eltern für ein paar Wochen bei uns auf`m Campingplatz Urlaub gemacht hat, sein Board abgekauft, so `ne Art selbst zusammengestelltes Kaufhaus-Board, war auf jeden Fall schon ganz gut, mit Kryptonics Rollen und brauchbaren Kugellagern, perfekt für Downhill – yeah! Zeitgleich konnte ich mir aber bei einem anderen Kollegen aus Flensburg, der auch bei uns Urlaub machte, die ersten Tricks abgucken und so Sachen wie die Vato Rat von Powell. Zu Weihnachten hab` ich dann mein erstes Pro-Board bekommen, was ich dann nach und nach mit Achsen und Wheels aufgetuned hab`. Erstmal mußte mir meine Mutter allerdings von einem Besuch in Berlin Griptape mitnehmen, das gab`s halt nirgends bei uns. Jedenfalls habe ich so gesehen diesen Sommer ein Pseudo-20-jähriges Boardjubiläum.

Bs Carve in Berlin     Ph.: www.matthiassteffen.com

Q:
Das ist ja schon eine ordentliche Zeitspanne- was kann man beim Skaten noch lernen außer Tricks?

Arne:
Fuck, beim Skaten kann man so viel lernen, und jeder Skater weiß, was gemeint ist. Auf jeden Fall hat der Lifestyle Skateboarding mich in meiner persönlichen Entwicklung wohl wesentlich geprät und ich habe ihm viel zu verdanken. Man kann mit dem Board wirklich nicht nur Tricks lernen, sondern auch eine Menge fürs Leben, Stichworte wären da ganz sicher Grenzen überwinden, scheinbar unmögliche Ziele stecken und erreichen, Anpassungs- und Improvisationsfähigkeit, Autoritäten in Frage stellen, Weltoffenheit und Reisefreudigkeit, eine gute Menschenkenntnis… Außerdem nicht zu vergessen, in welch skurrile Situation an den merkwürdigsten Orten einen das Skateboard bringen kann, von denen man immer irgendwie was mitnimmt. Ganz wichtig auch, wie viel geile Musik man in Skateboardvideos entdecken kann oder generell auch Kunst in der gesamten Szene. Skateboarding ist schon etwas Besonderes und es ist geprägt durch viele verschiedene Individuen, die wahrscheinlich allesamt ihrem Board mehr zu verdanken haben, als sie es manchmal wahrhaben können.

Q:
Wie sieht dein idealer Tag aus?


Arne:

Also entweder ein Tag auf Tour irgendwie irgendwo, denn da weiß mensch nie, was einen erwartet und reisen und skaten mit Freunden ist wahrscheinlich das Beste, was es gibt. Oder aber, wenn du es mehr Ideal-Standard haben willst: Mit Freundin aufwachen, rumsexen und noch weiter schlafen, dann aber auch nicht zu spät aufstehen. Spaziergang mit Natur und Sonne, und am besten dabei irgendwelche Tiere streicheln. Hunde, Katzen, Kühe, Wildschweine, egal, Hauptsache weich! Nachmittags `ne geile Skatesession mit ein paar Slider-Bros an einem geilen Streetspot und dabei langsam vorglühen für eine coole Party am Abend, am liebsten mit Live-Bands am Strand. Dann Beers, Bongs und Barbecue und mit allen(!) Freunden feiern und tanzen bis kein Arzt kommt und irgendwann mit Teena im Gras unter den Sternen einschlafen… Vorausgesetzt es gäbe nicht so etwas wie einen Kater, könnte ich das jeden Tag machen, Arbeiten ist ja nun wirklich nur ein nötiges Übel.

_Kickflip in Dortmund    Ph.:   www.Herzmannphoto.com

Q:
Wie hat das mit dem Magazinmachen bei dir angefangen? Da gab es doch mal das Bullet Magazin, und du hattest irgendwie auch ein Fanzine und irgendwie noch jemand? Und irgendwie ist dann aus den drei Fanzines die BOARDSTEIN entstanden oder habe ich mich da vertan? Hast du Lust, mal ein wenig davon zu erzählen?

Arne:
Es gab seinerzeit ein paar Fanzines in Deutschland, die mich – neben den normalen Skatemags natürlich – auch maßgeblich inspiriert und beeinfluß haben, was eigenes auf die Beine zu stellen. Das wären namentlich eben das Bullet Fanzine von Moritz Gottwald, das Skaterock von Florian Hofmeister und das Mhueller Magazin von Markus Müller aus Hagen, bei dem auch Klaas mitgemacht hat, hauptsächlich als Photograph. Mein eigenes Fanzine Misfitting ist nie ganz fertig geworden, weil mir ein aufwendiges Videoprojekt dazwischen gekommen ist, aber fürs dritte Bullet hat Moritz uns dann alle ein bißchen zusammengebracht und das gipfelte im sogenannten Fanzine Kongreß im Januar 2000 in Marburg. Da waren wir uns dann alle einig, daß Deutschland ein Skateboardmagazin braucht, wie wir es eben heute machen. Später hat uns dann auch noch Marc Rosendahl, besser bekannt als Rosen, vom Crap `Zine mit seinem Wahnsinn bereichert, aber heutzutage arbeitet außer Flow alias Dr. Skaterock von den anderen leider keiner mehr am Heft mit oder macht noch irgendwie Hefte. Gründe dafür gibt es viele, aber eigentlich keinen richtig guten, zumindest ist BOARDSTEIN halt so entstanden und zu dem geworden, was es heute ist. Eine wirsche Idee aus ein paar wirren Köpfen, die mit viel Herzblut und relativ “wenig“ Geld Wirklichkeit geworden ist, kann eigentlich jede(r).

Q:
Der BOARDSTEIN "Core" besteht ja aus dir und Klaas, wenn ich das so hinstellen darf, wobei du wohl mehr die öffentliche Person bist und Klaas mehr im Hintergrund agiert; seid ihr dann so praktisch die linke und rechte Gehirnhälfte und haltet euch somit gegenseitig im Zaum, oder wie darf man sich eure Arbeitsteilung so vorstellen?

Arne:
Das hat sich so entwickelt, daß wir uns quasi alles teilen müssen, weil ein paar Leute halt das Handtuch geworfen haben, und ich sage den Leuten immer, daß ich für die Buchstaben und Klaas für die Zahlen zuständig ist. Während ich also den kreativen Part habe und mich toll zur Schau stellen kann, steht er in der Tat eher im Hintergrund und schiebt die spärlichen Zahlen hin und her, damit der ganze Laden nicht zusammenbricht. Das gilt aber nicht nur fürs Geschäftliche, sondern vor allem auch fürs Technische, denn er macht nicht nur Buchhaltung und so`n Scheiß, sondern auch die komplette Datenverwaltung und alles, was da so dranhängt. Die ganzen in meinen Augen stressigen und nervigen Sachen, von denen ich keine Ahnung habe. Linke und rechte Gehirnhälfte trifft es so gesehen ganz gut und wir ergänzen uns in vielerlei Hinsicht perfekt. Wir sind auch zwei völlig verschiedene Charaktere, obwohl irgendwie dann auch wieder nicht… Tja, und dann gibt`s halt noch Poschi, der sich um den Mailorder kümmert, die Stammmannschaft besteht sozusagen aus zweieinhalb Leuten, und wir sehen zu, daß wir immer mindestens einen Praktikanten an Bord haben.


Q:
Und was ist die Aufgabe von euren Praktikanten, falls sich mal ein Skateboard.de User überlegen sollte, bei euch nach einer Stelle anzufragen?


Arne:

Tja, das sind so die kleinen alltäglichen Aufgaben, für die Klaas und ich keine Zeit haben oder für die wir uns zu schön sind. Halt so Postgeschichten, irgendwelche Sachen abtippen, scannen oder Daten, Infos etc. aus dem Netz oder aus alten Magazinen raussuchen, je nach Vorkenntnissen auch ein bißchen Bildbearbeitung oder graphische Kleinigkeiten. Redaktionelle Mitarbeit ist natürlich auch in vielerlei Hinsicht möglich, es hängt einfach generell immer sehr von den Interessen, Fähigkeiten und der Motivation des jeweiligen Praktikanten ab, aber wir versuchen schon, die so gut es geht zu integrieren und zu beschäftigen. Unsere Klos putzen wir allerdings noch selbst, aber wenn der- oder diejenige gerne kocht, ist das ganz sicher von Vorteil für die ganze Redaktion! Grundsätzlich macht ein Praktikum aber erst wirklich Sinn, wenn es mindestens zwei Monate dauert, denn so erlebt man wenigstens eine gesamte Heftproduktion mit, und je länger man dabei ist, desto besser kann man natürlich auch eingearbeitet werden. 


Q:
Wie sieht so ein Tag bei euch in der Redaktion zwei Tage vor der Deadline aus im vergleich zu zwei Tagen nach der Deadline?


Arne:

Zwei Tage vor Deadline kleben Klaas und ich den ganzen Tag, der manchmal auch keine Nacht hat, mit den Augen auf unseren Bildschirmen und erledigen den letzten Scheiß fürs Heft. Ist zuweilen sehr hektisch, stressig und anstrengend und es gibt eine Menge nervenaufreibende Last Minute-Emails und Telefongespräche. Aber wir haben da inzwischen eine sehr geduldige Routine entwickelt und sind bis dato mit jeder Situation fertig geworden, ohne uns dabei gegenseitig an die Gurgel zu springen oder das Handtuch zu werfen. Zwei Tage nach der Deadline, was bei uns heißt, das Heft ist fertig im Druck, geht es eigentlich sehr entspannt zu, oft ist dann auch gar keiner in der Redaktion. Ich zumindest bin dann meistens schon in Hamburg und hole Schlaf nach und mach` mich locker. Klaas muß dann immer noch nebenbei den Versand vorbereiten, denn schließlich verschicken wir, wenn das Heft aus dem Druck kommt, noch gut 1500 Ausgaben selbst an Abonennten, Freiverteiler etc. Das ist dann noch mal anderthalb Tage Streß und Fließbandarbeit, die aber Spaß macht, weil man ja sein Heft unters Volk bringt. Dann ist es meistens eine Woche lang merkwürdigt ruhig, bis der Sturm der Reaktionen losbricht seitens Leser, Freunden usw. Mal sehen, was diesmal alles passiert…


Q:
Ein bekannter Italiener hat mir mal folgende Story erzählt: Er war bei euch in der Redaktion und ihr wart alle ein wenig am Feiern… irgendwann war er dann zu fortgeschrittener Stunde zu fertig und meinte, er geht jetzt pennen – woraufhin du gesagt haben sollst ‚So, jetzt wird es Zeit, mal ein wenig zu arbeiten!‘. Als er dann am nächsten Morgen aufgestanden ist, kamst du ihm wohl entgegen und hattest die ganze nacht durchgearbeitet. Worauf ich hinaus will ist: Bist du Workaholic oder ist es die Leidenschaft, die dich soweit treibt, Tag und Nacht zu arbeiten?


Arne:

Ja, ich erinnere mich an die Nacht, Lorenzo war auf einmal da auf Zwischenstop und hatte slowenischen Wodka mit an Bord, und guter Schnaps kann durchaus einen Schreibflash verursachen, bei mir zumindest. So gesehen war dieser Abend nicht die Regel, aber wenn man einmal dabei ist, beim Schreiben oder anders kreativ sein, dann sollte man sich nicht aufhalten lassen und weitertippen. Das ist ja das Schöne an der Selbständigkeit und sicherlich die Leidenschaft daran, ich kann auch bis fünf Uhr morgens tippen und dann bis Zwei schlafen, wenn ich will, zur Not auch mehrmals die Woche. Was zählt ist das Endergebnis zum Drucktermin, und das konnte ich als Chefredakteur bis jetzt immer ganz gut einhalten und hinbekommen, denke ich. Workaholic war ich somit wahrscheinlich am Anfang von BOARDSTEIN, mußte ich auch sein, weil alles neu für mich war. Aber inzwischen mache ich mich nicht mehr ganz so kaputt und nehme mir definitiv regelmäßig Auszeiten ohne Rechner und Schreibtisch, hab` ich aber eigentlich schon immer gemacht. Ich habe da auch eine andere Definition von Arbeit und Workaholic, denn ich lebe ja quasi meinen Job und ein bißchen bei der Arbeit ist man somit irgendwie immer, z.B. auch beim Lesen, womit ich mich gerne entspanne. Es läßt sich halt viel verwerten, was das Alltagsleben so bringt und die besten Ideen kommen bekanntlich auch immer zwischendurch, wenn man sie nicht erwartet. Aber ich kann auch sehr gut abschalten und faul sein, wenn ich will, und weiß durchaus die schönen Dinge des Lebens zu schätzen. So gesehen bin ich glücklicherweise wohl nicht als Workaholic einzustufen, Arbeit macht eben doch nicht frei…

Q:
Wieviel Prozent Hingabe braucht man in deinem Fall, um das Schiff über Wasser zu halten?

Arne:
Definitiv 110% und mehr! Wenn es mir nicht so viel Spaß machen und gleichzeitig so viel bedeuten würde, einen wohlgemeinten Beitrag zum allgemeinen Skateboarding beizutragen, würde ich es wohl bleiben lassen. Hingabe ist das richtige Wort, die werde ich irgendwie nicht los, denn besonders wirtschaftlich ist das nicht, was wir mit unserem Magazin machen und ich lebe offiziell sogar unter`m Existenzminimum! Aber Skateboarding ist meine Passion und ich möchte dem so viel zurückgeben, wie es mir gegeben hat, und ich kann mir im Moment nicht vorstellen, daß es mal nicht so sein sollte. Man muß ja nicht ewig nur ein Magazin machen, ich könnte mir z.B. genauso gut vorstellen, in Zukunft mit Matt und den Jungs Betonskateparks zu bauen…

 Fs Desaster in Stiring-Wendel (F). Ph.: www.plphoto.de

Q:
Bist du ein Idealist?

Arne:
Dafür habe ich jetzt direkt mal im Duden nachgeguckt… „Idealist: Vertreter des Indealismus; der Mensch, der auf das Seinsollende blickt; der wenig auf dem Boden der Wirklichkeit stehende Schwärmer; der aufopferungsbereite, selbstlose Mensch…“ Also ich würde schon sagen, daß ich halbwegs auf dem Boden der Tatsachen stehe, aber andererseits glaube ich auch immer an das Gute im Menschen, und der Mensch an sich ist böse und selbstsüchtig. So gesehen bin ich in mancherlei Hinsicht vielleicht eher ein Träumer, der von Sachen träumt, die schöner sind als der Gegenwartszustand oder das, was gerade ist. Für die Szene opfer` ich mich vielleicht schon ein bißchen auf, denn man bekommt nur selten bis nie zurück, was man gibt, aber dafür gibt man ja auch nicht. Und selbstlos bin ich insofern nicht, als daß ich dadurch ja ein sehr aufregendes Leben führe, das mir viel ermöglicht. Energie dafür einzusetzen, daß Menschen zusammenkommen und dabei Spaß haben, ist eh alle Mühe der Welt wert. Spaß rules! Und Freunde auch.

Q:
Was ich immer sehr toll fand, ist, daß die BOARDSTEIN irgendwie stets offen schien für Beiträge aus der Leserschaft und daß sie auch einer Menge Nachwuchsfotographen die Möglichkeit geboten hat, deren Photos zu veröffentlichen, was in anderen Mags sicherlich nicht so schnell möglich ist; ich denke da an David Böttger beispielsweise, der durch euch zu einem gefragten Photographen wurde… wie groß ist denn euer Pool an Photographen, die so bei euch angefangen haben und mittlerweile regelmäßig bei euch dabei sind?


Arne:

Ja, BOARDSTEIN hat schon immer davon gelebt, daß die Leute sich einbringen und am Heft mitmachen können. Und wir haben das Magazin damals u.a. auch deswegen gestartet, weil wir wußten, daß es so viele Photographen in Deutschland gibt, die ihre Sachen nirgendwo anders veröffentlichen können, motiviert ja auch, eins seiner Bilder mal wirklich gedruckt in einem Magazin zu sehen. So waren wir auf jeden Fall das Startbrett für einige, die sich heute in der Medienlandschaft tummeln, und da bin ich auch stolz drauf und ich freue mich sehr, daß manche von den Jungs inzwischen richtig ein bißchen Geld damit verdienen können, wenn auch leider nicht bei uns. Ebenso war es klar, daß es nicht weniger Photographen werden würden, denn die digitale Technik ermöglicht es inzwischen ja sogar Deppen wie mir, brauchbare Skatepics zu schießen. So gesehen gibt es mindestens 60,70 Leute, von denen wir regelmäßig unregelmäßig Sachen veröffentlichen, Tendenz weiterhin steigend, denn wir freuen uns immer über neue Geischter vor und hinter der Kamera. Wobei man sagen muß, das manche Photographen ihr Material anscheinend auch gar nicht so in der Öffentlichkeit sehen wollen, jedenfalls gibt es welche, die es echt drauf haben, von denen man aber so gut wie nie etwas zu sehen bekommt, da würden mir auf Anhieb ein paar Namen einfallen.


Q:
Was wäre anders in der deutschen Skateszene, wenn es die BOARDSTEIN nicht geben würde?


Arne:

Puuh, das will ich mir gar nicht ausmalen, denn das wäre ein ganz schönes Armutszeugnis für die Szene! Diese Frage macht mir irgendwie Angst, weil ich mir, wie viele andere auch, nach acht Jahren eine deutsche Skateboardszene ohne BOARDSTEIN ganz einfach nicht mehr vorstellen kann und will. Die Thematik mit den Nachwuchsphotographen hatten wir gerade, die wären ganz schön aufgeschmissen ohne uns. Und wo sollen all die guten Skater hin, die eben von diesen photographiert werden und von denen man nirgendwo sonst was zu sehen bekommt? Was machen die kleinen deutschen Companys? Und am schlimmsten: Die gerade erst in Form kommenden Rampen-, Bowl- und Transitionskater hätten überhaupt gar kein Printmedium mehr, das sich ernstnehmend mit ihnen beschäftigt. Insgesamt sind wir so deutsch, wie die anderen es sich nicht annähernd vorstellen können, und was die deutsche Szene ohne uns machen würde, weiß ich wirklich nicht. Wenn es soweit kommen sollte, wäre es mir aber wahrscheinlich bereits scheißegal…

Q:
Manche Skater beschweren sich ja beizeiten, die BOARDSTEIN hätte zu wenig Bilder und zu viel Text – ist das ein ungewolltes Kompliment? Und woher kommen diese ganzen Texte Ausgabe für Ausgabe? Alleine euer Late Zine-Abschnitt könnte ja bei anderen Mags die komplette Ausgabe füllen…


Arne:

Ich betrachte mal als Kompliment, daß es bei uns was zu lesen gibt, denn dazu ist ein Magazin ja auch da, zum Lesen, und nicht nur zum Bilder gucken. Und wenn ich ein Magazin nach einer Stunde von vorne bis hinten durchgelesen habe, stimmt meiner Meinung nach etwas nicht. Bei uns ist es nun mal so, daß wir nur alle zwei Monate rauskommen, und weil uns jedes Heft so viel Geld und Mühe kostet, wollen wir auch möglichst viel hineinstopfen, eben damit die Leute sich auch länger damit beschäftigen können. Und ich, der ja nun mal das meiste schreiben tut, schreibe nun mal einfach sehr gerne, wenn ich mich nicht oder nicht etwas mitzuteilen hätte, bräuchte ich das Ganze ja auch gar nicht machen. Da sind wir halt ganz die alten Fanziner, die wir nun mal sind. Und daß es bei uns wenig Bilder gibt, stimmt natürlich vorne und hinten nicht, bei uns gibt es die Bilder nur eher selten mal auf ganz- oder doppelseitig aufgeblasen und auf Hochglanz halt schon gar nicht. Die Bilder sind bei uns eben nur ein wenig kleiner, weil so viele davon da sind und das in Kombination mit viel Text läßt natürlich nicht mehr viel Spielraum zu, können euch unsere Graphiker ein Lied von singen! Aber zählt mal die Bilder bei uns und vergleicht das mit anderen Magazinen, wir haben definitiv nicht nur mehr zu lesen, sondern auch zu gucken!

Q:
Was hälst du von einer G.S.A., einer German Skateboard Association?

Arne:
Zufällig hab` ich heute schon Ton Steine Scherben gehört und ich zitiere mal ganz frech aus ‚Allein machen sie dich klein‘: „… Zu hundert oder tausend / kriegen sie langsam Ohrensausen / sie werden zwar sagen: Das sind nicht viel / Aber tausend sind auch kein Pappenstiel / Und was nicht ist, das kann noch werden / Wir können uns ganz schnell vermehr`n / In dem Land, in dem wir wohnen / sind aber ein paar Millionen / Wenn wir uns erstmal einig sind / weht, glaub` ich, `n ganz andrer Wind / dann werden sie nicht mehr lachen / sondern sich auf die Socken machen / auf die Bahamas oder ins Tessin / der Teufel weiß am besten wohin / Und du weißt, das kann passieren / wenn wir uns organisieren / Und du weißt, das kann passieren / wenn wir uns organisieren…“ Ja ja, bildet mehr Banden!!! German Skateboard Association klingt gut, wenn es sinnvoll in die Tat umgesetzt wird und nicht nur finanzielle und industrielle Interessen dahinter stehen. Fest steht, daß man leider nicht drumherum kommt, sich zu organisieren, wenn man sich nicht ausnutzen und verarschen lassen will, war schon immer so und gilt auch für Skateboarding. Wer denn da wo wie welche Aufgaben übernimmt, ist dann widerum eine ganz andere Sache, wir sind z.B. nicht einmal nach Hilfe oder Zusammenarbeit gefragt worden, und wir sind doch eigentlich immer sehr engagiert. Aber paßt schon, da haben wir nämlich eh keine Zeit für, weil wir uns ständig irgendwie selbst organsieren, so haben wir z.B. gerade in Dortmund einen Verein gegründet, um die unerträgliche Skateparksituation vor Ort zu verbessern. Also weitermachen an alle, die (sich) organisieren, Gas ist rechts!

Q:
Die BOARDSTEIN kam ja im Abo in letzter Zeit immer zusammen mit der Rugged, die ja eng mit Carhartt verbunden ist. Da die BOARDSTEIN nun umsonst rauskommt, liegt die Annahme nahe, daß ihr noch enger mit Carhartt zusammenarbeitet – wenn das so ist, habt ihr jetzt durch die Cooperation mit einer dritten Partei ein, ich sage mal, engeres Korsett, was die Inhalte betrifft (oder hatte die BOARDSTEIN niemals überhaupt ein Korsett an und wird auch nie eins tragen)?

Arne:
Die Sache mit der Rugged, dem Carhartt Hausmagazin, war eine gute Symbiose, denn so gab es zwei völlig verschiedene Magazine zum Preis von einem, und das gilt ja nicht nur für unsere Abo-Ausgabe, das war ja in der gesamten Auflage so. Carhartt hat die Kosten übernommen und alle haben sich darüber gefreut, weil alle Seiten nur gut davon hatten. Unsere gute Zusammenarbeit mit Carhartt hat sich halt über die Jahre ergeben, da wir definitiv ähnliche Definitionen von Skateboarding und dem dazugehörigen Lifestyle haben, das sieht man schon an den Leuten und Events, die die sponsoren. So kann man sich immer wieder gegenseitig gut ergänzen und unterstützen, und ein Korsett hatten wir eh noch nie an, oder haben wir inhaltlich jemals ein Blatt vor den Mund genommen oder uns zu sehr in eine Richtung orientiert? Ich glaube nicht, wir konnten gerade auch inhaltlich schon immer machen, was wir wollen, und sind für alle unsere Schandtaten selbst verantwortlich. Und jetzt, wo wir umsonst rauskommen, wird es die Rugged leider auch nicht mehr zusammen mit der BOARDSTEIN geben, denn zwei Umsonstmagazine zusammengeschweißt wäre dann schon wieder irgendwie albern, obwohl, ich würd`s geil finden. 

Fs Boardslide Shove-it Off in Hamburg  www.plphoto.de

Q:
Hat die BOARDSTEIN eine Grundmessage?


Arne:

Wenn ich mich dazu jetzt kurz fassen soll, dann wahrscheinlich: Live and let live, be yourself and stay true, skateboard as fast as you can and only listen to good music, and – of course – save the world by doing it all together right now! (natürlich auf Englisch, weil wir sind international)


Q:
‚BOARDSTEIN – PAPER IN A WORLD OF DATA‘ gab es mal als Slogan. Wie stehst du eigentlich zu dem Thema Skateboarding im Internet, so die ganze Forengeschichte und Diskussionen die da passieren, youtube etc.? Würdest du sagen lieber ‚Kickflip‘ statt ‚Klick-flip‘ oder hat das Ganze etwas Nützliches für dich?

Arne:
Klar hat das Internet was Nützliches für mich bzw. teilweise funktioniert mein Job natürlich gar nicht ohne, Emails schreiben ist schließlich mein Hauptzeitvertreib, Kommunikation eben. Aber für viel mehr benutze ich das Internet dann eigentlich auch nicht, klar, ein bißchen Recherche und Gimmicks wie YouTube und so, aber um Foren, Newsletter etc. mache ich eher einen großen Bogen. Da ist Klaas z.B. auch wieder ganz anders, der verdient ja sogar sein eigentliches Geld mit Webhosting, checkt dafür mal www.datenchef.de ! Ich bin aber eben sehr altmodisch und lese viel lieber richtige Magazine, als mich im Netz rumzutreiben, deswegen mache ich ja auch selber eins. Und ich häng` ja auch eh schon so viel vor`m Bildschirm, mehr als nötig tut da wirklich nicht Not. Internet ist so schnell und kurzlebig, das kann einfach nicht gegen ein schönes gedrucktes Magazin gegenanstinken, oder gegen eine Zeitung oder ein Buch. Tja, und demenstprechend bescheiden ist dann auch unsere Internetpräsenz. Allerdings liegt das oftmals auch einfach an Zeitmangel, wir würden auch gerne mehr mit unserer Webseite machen, aber es muß halt auch immer alles erstmal gemacht werden und da liegt die Priorität halt voll beim Magazin, weil wir auch kein Bock auf halbgare Scheiße haben, deswegen reduzieren wir uns erstmal noch auf das Nötigste. So gesehen ist der Slogan heute noch genauso aktuell wie damals und er wird ja auch immer noch gerne von uns verwendet.

Q:
Was mich schon immer interessiert hat : Könnte man nicht in jeder Ausgabe zwei bis vier Sequenzen als Daumenkino mit einbauen, jeweils rechts oben und unten am Heftrand? Wäre das vom Beschnitt her möglich? Wenn ja, dann BITTE MACHT DAS, das wäre dann ein Skatevideo in einer Zeitung!


Arne:

Ja, wir haben das ja sogar auf deinen Vorschlag hin schon mal gemacht, mit einer Seqeunz von Wilko Grüning, zwei Curbtricks hintereinander. Aber das ist schwer zu realisieren, da das ja über mehrere Stories im Heft läuft und alle Graphiker das beim Layouten mit einbauen müssen, zudem sind zwischendurch ja auch noch Anzeigen, auf denen man das gar nicht einbauen kann. Und dafür ist der Effekt dann leider verschwindent gering, also ich weiß nicht, ob wir das nochmal machen werden. Soll lieber die Industrie mal geile Daumenkinos machen, die haben doch immer viel zu viel Budgets für irgendwelche Promotionspässeckens! Hier habt ihr eine gute Idee, liebe Industriellen!

Q:
Wann kommt die nächste Ausgabe ?

Arne:
Jetzt Mitte April, ca. sechs Wochen zu spät, was soll`s!? Ich bin wie bei jeder Ausgabe froh, daß sie überhaupt erscheint, und das mit diesem Interview paßt somit vielleicht zeitlich echt ganz gut.

Hambrug rprsnt   Ph.: Christina Hansen

Q:
Thannnnnnnnnnnx fürs Interview! Noch ein schlaues Wort?

 

Arne:
Ähhh… Peace… Aber wenn du mich schon so fragst: Ich bin kein Fan von Email-Interviews, klar für eine Webseite ist das nun mal der Weg, aber auch diesbezüglich bin ich altmodisch und bevorzuge ein Gespräch mit Diktiergerät aufgenommen und hinterher dann mühevoll abgehört. Das ist zwar eine Menge Arbeit, aber viel echter als getippte Antworten, die man noch tausendmal korrigieren und ausschmücken kann, bevor man sie auf die Menschheit losläßt. Außerdem tendiere ich nun mal dazu, viel zu schreiben, und da kann so ein Interview wie dieses durchaus in Arbeit ausarten, ein 20-Minuten Telefongespräch hätte mich viel Zeit und Nerven gespart, höhö… Hat aber trotzdem Spaß gemacht, danke für den Support und euer Interesse am BOARDSTEIN! Küßchen an alle!

 

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